Nachhaltige Unternehmenskultur I SDG-Tandem

Mobilitätsverhalten bei Kulturveranstaltungen
im ländlichen Raum

18.02.2025
Autorin: Brit Doleschal

1 Hintergrund SDG-Tandem Programm 

„Die vom Bundeswirtschafts- und Klimaschutzministerium geförderte Initiative Culture4Climate hat ein bundesweites Klimaprogramm für den Kulturbereich entwickelt. Es setzt sowohl auf die kreative Kraft des Kulturbereichs als auch auf die Innovationskraft von Unternehmen im Bereich Nachhaltigkeit und Klimaschutz“ (PM Culture4Climate, 14.11.24).

Das Unternehmen utoplan aus Kempten und der Verein Cultura Kulturveranstaltungen e.V. aus Wiggensbach wurden im Herbst 2023 als Allgäuer SDG*-Tandem neben 10 weiteren Tandem-Teams in Deutschland für das Programm ausgewählt (*SDG = Sustainable Development Goals).

Kulturveranstaltungen auf dem Land ohne eigene Räumlichkeiten sehen den größten Hebel für den Klimaschutz beim Anreiseverhalten der Besucher*innen. Deshalb wurde hier der Schwerpunkt gesetzt
(das Anreiseverhalten gehört zur Kategorie „Scope 3“ außerbetrieb-liche Emissionsquellen im Betriebszusammenhang).

Unser Untersuchungsobjekt war die Konzertreihe Synagoge Fellheim von Cultura Kulturveranstaltungen e.V. inklusive dem vorgeschalteten vereinseigenem Kulturvermittlungsprogramm „arts in touch – Kultur zum Anfassen“ in Form einer „Offenen Probe“ vor den Abendkonzerten.

Der Veranstaltungsort ist die Ehemalige Synagoge Fellheim in 87748 Fellheim (knapp 1.000 Einwohner), ca. 12 Kilometer vom Oberzentrum 87700 Memmingen entfernt.
Die Besuchenden sind ein kulturinteressiertes Publikum sowohl aus dem nahen Umfeld, aus der Region als auch mit Spezial-Interesse aufgrund der künstlerischen Qualität mit überregionaler Herkunft (bis 150 km einfacher Anreise).

Die Konzertreihe Synagoge Fellheim wird als „Leuchtturmprojekt“ in Schwaben gewertet und erscheint uns repräsentativ für eine Mobilitätsstudie im ländlichen Raum.

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2 Idee

Das tatsächliche Anreiseverhalten der Besucher*innen bei Kulturveranstaltungen im ländlichen Raum empirisch zu erfassen, diese auf die Klimarelevanz ihres Verhaltens hinzuweisen und gegebenenfalls Alternativen zum Individualverkehr vorzubereiten.



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Ziel 13 der SDGs (https://17ziele.de/)

3 Umfrageentwurf

Mit einer ersten Umfrage im März 2024 fragten wir die Anreise ab und sensibilisierten für das Thema. Mit der Erfahrung und den Ergebnissen aus der ersten Umfrage, entwarfen wir im Juni eine zweite Umfrage, um präziser auf die Besucher*innen und regionale Mobilitätskonzepte einzugehen. Ziel war die Konkretisierung des Handlungsbedarfs und der Handlungsmöglichkeiten, um langfristig die CO2- Emissionen für die An- und Abreise zu Veranstaltungen im ländlichen Raum zu reduzieren, möglichst den ÖPNV zu stärken und die Anreise zu erleichtern.

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Dr.Phil. Veronika Heilmannseder, Danae Dörken am Piano & Goldmund Quartett

4 Erste Umfragedurchführung & Auswertung

Umfrage 1 online und in Papierform:

• Ca. 26 % haben die Umfrage ausgefüllt (52 von 200 Gästen: 150 Konzert, 50 Offene Probe).

• 83 % in Papierform, online nur Besucher*innen der Offenen Probe.

• Ca. 32% kommen aus unmittelbarer Nähe bis 10 km einfache Wegstrecke, 42% aus Memmingen (11-20 km) und 26% von weiter her (über 21 km).

• Zur Offenen Probe kommen 56% aus direkter Nähe bis 5 km.

• Besucher*innen waren zu 12% unter 50 Jahren, 23% zwischen 51 und 60 Jahren, 28% zwischen 61 und 70 Jahren und 37% über 71 Jahre.

• 55% sind regelmäßig bei Vereinsveranstaltungen, 25% Mitglieder im Verein.

• Die Bereitschaft zur Teilnahme an der Umfrage wurde durch persönliche Ansprache und Aufklärung der Besucher*innen stark erhöht.

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Übersicht der Besucher*innen der ersten Umfrage

4.1 Ergebnisse

• Ca. 95 % sind mit dem Auto angereist, davon ca. 27% mit einem E-Auto.

• 89% sind in Fahrgemeinschaften mit langjährigen Bekannten oder Verwandten angereist.

• 74% sind bereit ein alternatives Verkehrsmittel zu verwenden, falls möglich, dabei wurde der Bus favorisiert.

• 27% wünschen sich einen Shuttle ab Bahnhof Memmingen, 19% Kontaktdaten anderer Besucher*innen zur Fahrgemeinschaftsbildung, 10% möchten sich nicht an Fahrgemeinschaften beteiligen.

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Übersicht Studienergebnisse Anreiseverhalten

4.2 Analyse

Da Interesse und Bereitschaft der Besucher*innen für die Anreise zur Offenen Probe und vor allem zur Konzertreihe mit dem ÖPNV überwogen, untersuchten wir die aktuellen Möglichkeiten.

Die favorisierten Fahrgemeinschaften für die Besucher*innen vom Verein aus persönlich zu koordinieren, übersteigt die momentanen Kapazitäten des Vereins. Aus diesem Grund haben wir das Thema im weiteren Verlauf der Studie nicht weiter verfolgt, es aber auf der Jahreshauptversammlung angesprochen und die Zustimmung der Mitgliederversammlung erhalten.

Schlussfolgerungen:

Obwohl 89% „organisiert“ mit Verwandten oder Bekannten anreisen, sind dennoch viele an einer öffentlichen Alternative Interessiert.

Möglichkeiten der Anreise mit dem ÖPNV

In der Region gibt es zwei, allerdings voneinander unabhängige, Bussysteme:
Der Rufbus ab Stadt Memmingen und der Flexibus für Verbindungen bis 10 km um Fellheim innerhalb des Landkreises Unterallgäu, ohne Stadt Memmingen.

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Bild zwei voneinander unabhängige Bussysteme in der Region

4.3 Herausforderungen ÖPNV

• Unübersichtlichkeit der ÖPNV-Angebote zur Anreise mit dem Bus, da unterschiedliche Anbieter, Fahrpläne und Buchungssysteme.

• Nur an Wochenenden ist eine An- und Abreise zur Offenen Probe ab Bahnhof Memmingen möglich, allerdings verbunden mit langen Wartezeiten.

• Die Hinfahrt zum Konzert ist Bestandteil des Fahrplans und jederzeit möglich, für die Rückfahrt besteht momentan keine Verbindung.

• Falls Konzertbesuchende vor dem Konzert in einer Gaststätte in Synagogennähe Abendessen wollten, wäre die Anreise an Wochenenden möglich.

• Rufbus und Flexibus arbeiten nicht zusammen.

Um eine Anfrage beim Landratsamt für die Ausweitung der Angebote des öffentlichen Nahverkehrs zu rechtfertigen, führten wir eine zweite und vertiefende Abfrage durch.

Da die erste online-Beteiligung sehr gering war und der Großteil der Besuchenden der Offenen Probe aus nächster Umgebung kamen, entschieden wir uns nur für eine Umfrage in Papierform. Das Konzertpublikum als primäre Anspruchsgruppe, ließ uns die Umweltnachteile des Ausdrucks und der wesentlich aufwendigerenAuswertung außer Acht lassen.

5 Zweite Umfragedurchführung & Auswertung

Umfrage 2 in Papierform:

• 18% der Besucher*innen haben an der Umfrage teilgenommen, davon 64% der Konzertreihe und 36% der Offene Probe.

• Anreiseweg, -verhalten und Alter der Besucher*innen waren vergleichbar mit der ersten Umfrage.

• Der Treue der Mitglieder und Besucher*innen war es zu verdanken, dass diese sich an einer weiteren, also zweiten Umfrage beteiligten.

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Umfrage in Papierform

5.1 Ergebnisse

• 37% können sich eine Anreise mit dem ÖPNV vorstellen, jeweils 31,5% vielleicht oder nicht.

• 71% der Befragten haben Interesse an der Ausweitung des ÖPNV, bei Desinteresse waren die Argumente z.B. zu zeitaufwendig oder mühsam, da teilweise auf weitere Verkehrsmittel umgestiegen werden müsste.

• 14% der Besucher*innen denken, dass auch ihre Freunde oder Bekannten zu den Veranstaltungen anreisen, falls es einen funktionierenden ÖPNV gibt, 59% vielleicht und 27% nicht.

• Ihren Umstieg von Verbrennermotoren auf E-Mobilität durch Ladesicherheit mit einem zukünftigen Angebot einer Ladesäule vor Ort, verneinen 73%.

• Den Umstieg auf online-Mitfahrplattformen können sich über 50% der Besucher*innen nicht vorstellen, was zum Teil auch auf die ablehnende Haltung der Altersgruppe gegenüber der Nutzung von Smartphone-Apps zurückgeführt werden könnte, vor allem der Registrierung zur Verwendung der Apps, wie zwei der Besucherinnen argumentierten.

Schlussfolgerungen:

Der ÖPNV erscheint für viele attraktiv, wenn ein passendes Angebot vorhanden wäre.

Mitfahr-Apps sind für dieses Konzertpublikum keine akzeptierte Alternative.

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Offene Probe, Künstlerin: Nathalia Milstein

5.2 Analyse

• Ein enormer Aufwand wäre nötig, den ÖPNV für die Region so flexibel zu gestalten, dass eine angenehme An- und Abreise zur Offenen Probe und Konzertreihe der Synagoge Fellheim möglich wäre.

• Es gibt mehrere Akteure, die im ländlichen Raum agieren und somit vernetzt bzw. abgestimmt werden müssen (sowohl vom Fahrplan als auch von den Tarifen).

• Besucher*innen auf dem Land sind es seit Jahrzehnten gewohnt, ihre Wege mit dem Auto zurückzulegen. Ein geringes, unkoordiniertes und auch unpraktisches ÖPNV-Angebot bestätigt das bestehende Verhaltensmuster.

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Bild von der Konzertreihe Synagoge Fellheim

6 Ergebnisse Studie

Unsere erste Überlegung, zu den Konzerten im Herbst den ÖPNV testweise zu organisieren, wurde nach genauerem Einblick in die regionalen Strukturen verworfen. Der Aufwand im Verhältnis zu Nutzen zur Ausweitung des ÖPNV in der Region, für die wenigen Veranstaltungen des Vereins innerhalb eines Jahres, stehen in keinem sinnvollen Verhältnis und kann deshalb von unserer Seite nicht weiter verfolgt werden.

Unsere zwischenzeitliche Idee, längerfristige und größere Förderprogramme zu suchen und fokussiert das Thema Mobilität mit gezielten Anreisemöglichkeiten für (Kultur-) Veranstaltungen im ländlichen Raum anzugehen, wurde vor kurzem durch aufgerufene Programme der Landkreise Unter-, Ost- und Oberallgäu aufgegriffen, welche jedoch unabhängig voneinander stattfinden. Hier sollen neben der gesamten Überarbeitung des ÖPNV auch On-Demand-Busse angedacht werden. Zusätzlich erschienen jüngst die Ergebnissen einer regionalen Test-Studie zum Einsatz von einem „flexiblen Erlebnisbus für nachhaltigen Freizeitverkehr“, wo Busse für Tourismusdestinationen in Bezug auf Besucherlenkung und Klimaschutz eingesetzt wurden. Auch gibt es inzwischen den erfolgreichen Einsatz des „Allgäuer Bergbusses“ der Sektion Kempten des DAV zur Reduzierung des motorisierten Individualverkehrs.

Nachdem das Thema Mobilität im gesamten Allgäu sinnvoll größer angegangen und vernetzt gedacht werden sollte, freuen wir uns trotzdem über die startenden Projekte. Wir werden unsere Ergebnisse und die Dringlichkeit in unserer Region, neben Tourismusdestinationen und Großveranstaltungen auch kleinere, dezentrale (Kultur-) Veranstaltungen mitzudenken, weitergeben.

Wir empfehlen, den ÖPNV in ländlichen Regionen stadt-, kommunen- und landkreis-übergreifend zu denken und schnellstmöglich zu fördern, denn erst dann haben Besucher*innen eine Chance, ihr Reiseverhalten klimagerecht zu ändern.

Für Veranstalter*innen empfehlen wir das Anreiseverhalten abzufragen, regionale Angebote zu prüfen und Alternativen aufzuzeigen. Zur Abfrage können wir unseren Fragebogen zur Verfügung stellen inklusive der Vorlage zum Ausdruck des Fragebogens, oder auf bereits verfügbare App-Anbieter verweisen. Hier gilt zu berücksichtigen, dass diese sich erst für große Veranstaltungen lohnen und bei älterem Zielpuplikum die Abfrage und Befüllung der App durch Vereinsmitglieder unterstützt werden sollte.

Die Sensibilität der Besucher*innen für das Thema Klimaschutz und Mobilität ist spürbar vorhanden.

Der Aufwand für einen kleinen Kuturverein im Verhältnis zum Nutzen zur Ausweitung des ÖPNV in der Region für die wenigen Veranstaltungen des Vereins innerhalb eines Jahres, stehen in keinem sinnvollen Verhältnis und wird deshalb nicht weiterverfolgt.

7 Fazit

So gerne wir die Besucher*innen bei einer öffentlichen Anreise unterstützt hätten, können wir heute für die Konzertreihe und Offene Probe kein Angebot unterbreiten. Auch die eigene Organisation einer Mitfahrzentrale innerhalb des Vereins, übersteigt dessen Kapazitäten. Nachdem jedoch fast alle Besucher*innen in Fahrgemeinschaften und teilweise mit E-Mobilität anreisten, gilt nun zu hoffen, dass diese Fahrgemeinschaften weiterhin bestehen bleiben und der öffentliche Nahverkehr für die nahe Zukunft regional- und überregional neu organisiert wird.

Neben dem Anreiseverhalten ist es deshalb sinnvoll, alle weiteren Bausteine der Vereinsarbeit und deren Veranstaltungen auf weiteres Einsparpotential für den Klimaschutz zu prüfen. Das haben wir uns vorgenommen und da auch hier eine Zertifizierung der Veranstaltungen oder des Vereins aktuell personelle und finanzielle Ressourcen übersteigt, werden wir praktikable Nachhaltigkeitsberichte für Kulturvereine noch dieses Jahr angehen. Auch hier werden wir bestehende Initiativen, wie bspw. das Klimatool von Culture4Clime oder die Klimabilanzierung der Green Culture Anlaufstelle ins Auge fassen und zur ganzheitlichen - inklusive sozialem Mehrwert - Berichtserstellung erweitern.

Ziel ist Klimaschutz und Nachhaltigkeit ganzheitlich zu denken, um so künftigen Fördermittelgeber*innen und Besucher*innen Einblick in die Vereinstätigkeit zu gewähren. Gemeinsam möchten wir mit verantwortungsvollem Blick den klimagerechten Wandel für unser aller Zukunft auf dieser Erde anpacken.

Der Ansatz bspw. des Deutschen Alpenvereins aus der Region, Busfahrten zu bestimmten Reisezielen an bestimmten Tagen anzubieten, hat uns inspiriert. Dies zeigt allerdings auch, dass die Herausforderungen in einem hohen Organisationsaufwand, hohen Kosten (Busmiete, Umgang mit Standzeit Bus während der Veranstaltung), sowie in der passenden Wahl einer möglichst relevanten Fahrtroute und stimmigen Abfahrtszeiten liegen.

Wir werden das Thema von gezielten öffentlichen Anreisemöglichkeiten für (Kultur-) Veranstaltungen im ländlichen Raum bei den startenden neuen Förder-programmen zu Mobilität in der Region einbringen.

Schlussfolgerungen:

Als Verein den Klimaschutz-Hebel beim Anreiseverhalten anzusetzen, übersteigt oft deren Möglichkeiten.

Im ländlichen Raum sind dringend öffentliche Lösungen gefragt.

Finanzielle Untersützung für einen Kultur- Veranstaltungs-bus wäre ein möglicher Ansatz.

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Ziel 17 der SDGs (https://17ziele.de/)

8 Ergänzungen

Leitfaden für das Anreiseverhalten zu Kulturveranstaltungen im ländlichen Raum

• Bei der Einladung zur Veranstaltung auf Mitfahrplattformen aufmerksam machen.

• Möglichkeiten zur Anreise mit dem ÖPNV aufzeigen.

• Auf die nächsten Fahrradständer und E-Ladesäulen aufmerksam machen.

• Möglichkeit eines Shuttles von Veranstalterseite prüfen.

• An der Veranstaltung einen Informationsbereich für Mitfahrangebote bzw. -gesuche zur Verfügung stellen.

• Gemeinsame Anreise, E-Mobilität und Nutzung des ÖPNV belohnen.

• Bei großen Veranstaltungen mit jungem Zielpuplikum Anreise konkret über App-Lösungen erheben und somit verstärkt das Publikum sensibilisieren.

• Lösungen für CO2-Reduktion und positiven Ausgleich suchen und umsetzen.

• Vernetzen, voneinander lernen und kommunizieren.

SDG-Tandem-Team-Allgaeu

v.l.n.r. Dr. Ralf Weiß, Cornelia Schambeck,
Brit Doleschal, Dr.phil. Veronika Heilmannseder, Albrecht Schwedass

Foto: Margarethe Kreuser

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